Montag

S y l v e s t e r







Liebe Leserinnen und Leser,


das Projekt "Ein Jahr - ein Blog" war für 2011 geplant und ist jetzt an sein Ende gelangt. Ich danke herzlich für Kommentar, Zuspruch und Verlinkung. Ein neues Projekt ist noch nicht angedacht, wird aber - wenn - hier stattfinden.



Christine Marendon




Sonntag

D e z e m b e r









N a c h t k e r z e

Es lebt in jedem Menschen
die jähe Tiefe. Dunkler als die Lichtnelke
die am Tag nach innen gedreht ist
vermag sie weite Flächen
mit Gold zu überziehen.
So sind wir Tier und Mensch
auch Pflanzen, Abdrücke
der Steinkohlezeit. Wir sind
Ableger, gehören also zu jener Art
die mit Blütenstaub und Honig zahlt
und die neue Zeit noch erwartet.
Die Blumen, in deren Sprache
das Wort „Garten“ fehlt
beugen sich nach vorn
in die neubeflogene Narbe.
Alles ist verbunden
mit dem Nichtgehören.



















Dienstag

N o v e m b e r








Stille. Weiße See.
Die hängenden Gärten
des Herbstes. Fallendes
Grün. Oben fliegen
die Wolken. Niemals
trank ein Vogel
Muttermilch. Ich
bleibe am Herd.
Die Vögel reisen.









Darß, Oktober 2011









strandraben schreibt:




O b e n
















A b f l u g



Im Frühling war es soweit, da wurde
mein Bündel auf die Straße geworfen:
und nun sieh selbst, wie du die Lieder
der Schwalben begreifst. Diese Vögel
sind schnell, gewiss, aber das war es nicht
was mich so begriffsstutzig machte. Meine
Familie sammelte Nester, ein alter und
ehrwürdiger Beruf. Mein Onkel schlug mir
auf den Mund, als er mich erwischte
beim Wärmen der Eier. Der Himmel
über den Häusern schien durchkreuzt von
Pfeilen und Krallen, spitzen Schnäbeln.
Die verdammten Wetterhähne konnten
auch nicht mehr als rostig klappern.
Und mir gelingt nur eins: tote Vögel
aus Pfützen zu bergen im Herbst, wenn
sie auf der Flucht verloren gehen.



(2004)











O k t o b e r










Im Metall

liegt die Milch 

weißes Milchmetall 

glänzend und still

ein Planet 

Mondgestein

silberner Stern 

von der Milchstraße 

verschüttet 

in den Morgen hinein

letzter Funkenschlag

aus den Feuern

der Nacht









September 2011 - Knust








Vollmond 12.10.2011











Von Edo nach Edinburgh


Geschrieben von Milo Staben und Christine Marendon.



*



Im Jahre 1689 wandert Matsuo Basho (1644 - 1694), japanischer Haikai-Dichter, mit seinem Gefährten Kawai Sora (1649 - 1710) durch den Norden Japans, durchs Hinterland. Die Wanderung dauert 150 Tage, sie legen 2400 Kilometer zurück. Fünf Jahre später erscheint posthum Bashos Werk Oku no Hosomichi (Auf schmalen Pfaden nach Oku; in engl. Übers. The Narrow Road to the Deep North), ein Reisejournal und weit mehr. 55 kurze Prosatexte und 62 Haiku-Gedichte beschreiben Menschen und Natur, wie sie Basho und Sora auf der Wanderung begegnen. Die beiden treffen unterwegs andere Dichter, tauschen Gedichte oder schreiben gemeinsam Kettengedichte (Haikai no renga). Sie besuchen Orte, die seit Generationen Anlass zu Gedichten geben, die Gedichtkopfkissen - uta makura. Das können bedeutende Tempel sein, ein einzelner Baum, ein Kiefernhain oder die Inseln von Matsushima. An diesen Orten werden gemäß der Tradition neue Gedichte geschrieben und vor Ort zurückgelassen.



Bashos Anliegen war, das Dichten und das Wandern oder vielmehr das Wandern als ein Symbol des Lebens aufzufassen und das Leben - in seiner Kontinuität dichterischer Äußerung - als eine Wanderschaft.


Aus der Einführung von "Basho - Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland"









the beach is a poem

the moon rewrites

each day






Es gibt nicht viele Landschaften auf der Welt, die dazu einladen, eine derartige Reise nachzuahmen, auf den Spuren Bashos zu wandeln, Verse zu verfassen, Dichterfreunde zu besuchen, Bilder und andere "Souvenirs" in einer Art Gesamtkunstwerk zu versammeln.


Zwei schottische Dichterfreunde, Ken Cockburn und Alec Finlay, haben sich von Basho inspirieren lassen und die schottischen Highlands zum "Hinterland" deklariert, das es poetisch und real zu erwandern, zu erleben und zu erforschen gilt. Modern ist hierbei der Weg, den die Sprache zum Leser nimmt: Das Reisetagebuch wird in Form von Gedichten, Bildern, Ton- und Filmaufnahmen in einem Blog veröffentlicht:





The Road North









Wir haben dem Dichter Ken Cockburn, einem der Initiatoren dieses Projektes, Fragen gestellt.



Wie seid ihr auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?



Alec hatte vor zehn Jahren die Idee, Bashos Reise hier in Schottland zu unternehmen. Dann wollte er sie als Film machen. Ich erinnere mich, dass wir darüber gesprochen haben, obwohl nicht ich, sondern ein anderer Freund ihn begleiten sollte. Aber aus der Idee wurde nichts. Im Herbst 2009 hörten wir von einem Fonds, der für künstlerische Zusammenarbeit eingerichtet war, und irgendwie haben wir diese frühere Basho-Reise wiederentdeckt und waren sehr froh, eine Unterstützung von diesem Fonds zu erhalten, dem Creative Scotland Vital Sparks Award.



Wie habt ihr Bashos Reise an schottische Verhältnisse angepasst?



Bashos Buch enthält 53 Stationen und für jede fanden wir einen entsprechenden Ort in Schottland. Basho beschreibt Berge, Wasserfälle, bekannte Bäume, verfallene Schlösser, Hafenstädte und ländliche Dörfer, so gab es viel Vergleichbares, aus dem wir wählen konnten! Ben Dorain erinnerte mich unbedingt an den Fuji.


Unsere Reise ins Hinterland führte uns von Edinburgh nach Inverness, im Westen nach Skye, im Süden wiederum nach Argyll und Galloway. Anders als Basho hatten wir moderne Transportmittel zu unserer Verfügung, so dass wir an Stelle einer einzigen langen Reise mehrere kürzere Ausflüge zu unseren "Stationen" machten.



Hattet ihr Kontakte zu japanischen Künstlern/Dichtern, die von diesem Projekt wussten und es verfolgten?



Wir hatten Kontakt zu Tomohiko Ogawa, der neue Werke für uns gemacht hat; Alec hat ihm Postkarten von Schottland geschickt, und er hat die Bilder in japanische Landschaften 'eingebaut'. Sein Werk erschien am Ende von unserem Blog zu Bernerary (Oktober 2010). Das Blog zu Borerary (März 2011) beschäftigt sich mit dem japanischem Erdbeben. Ausschnitte aus einer E-Mail Tomohikos sind da zu finden und auch Texte von schottischen Freunden, die Japan gut kennen.



Habt ihr Euch auch mit Zen-Buddhismus beschäftigt?



Ich habe vor 15 Jahren mit Zen-Meditation angefangen und las zu dieser Zeit Zen-Texte von Alan Watts und Lucien Stryk. Auch Thomas Mertons Buch Zen and the Birds of Appetite hat mich sehr geprägt. Wie Merton interessiert mich Zen aus einer christlichen Perspektive. Sonst kenne ich Zen und Buddhismus im Allgemeinen (und dies gilt auch für Alec Finlay) aus der östlichen Lyrik.



Ist Schottland landschaftlich und auch von der Abgeschiedenheit her vergleichbar mit dem japanischen Hinterland, das Basho auf "schmalen Pfaden" erkundet? In Wikipedia steht, dass es viele abgelegene Orte gibt, die nur mit dem Scottish Postbus zu erreichen sind: "Bahnlinien werden durch die Topographie erschwert, so dass es in den Highlands nur Verbindungen nach Oban, Mallaig sowie über Inverness nach Kyle of Lochalsh und Thurso gibt". Es gibt wohl nicht viele Landschaften auf der Welt, die so geeignet wären, Bashos Reise nachzuempfinden?



Wir finden, dass Bashos Japan sich gut ins heutige Schottland übersetzen lässt. Die Namen der Hauptstädte sind zufällig verwandt - Edo und Edinburgh - und beide liegen an der Ostküste. Bashos Oku, das Land hinter Shirakawa, wo er ein fremdes Lied hört, entspricht den Highlands, die auch hinter den Bergen liegen, wo man heute noch gälische Lieder hört und wo die Ortsnamen hauptsächlich aus dem Gälischen stammen. Bashos (an der Ostküste liegendes) Matsushima haben wir an der schottischen Westküste gefunden: die Aussicht von der Insel Luing auf viele größere und kleinere Inseln. Sein Sado ist für uns St. Kilda, eine jetzt unbewohnte Insel am Horizont. Japan und Schottland sind beides Länder, wo Meer und Berge wichtig sind und wo eine moderne Kultur neben einer archaischen zu finden ist. Es kann sein, dass man woanders auch Parallelen findet - Wales, Norwegen, Slowenien ...?



Seid ihr die ganze Strecke gewandert oder nur kleinere Entfernungen zu Fuß gegangen und den Rest gefahren?



Wir sind mit einem Mietwagen gefahren. Zwischen Juni und September 2010 waren wir fünfmal unterwegs, jedes Mal ein- bis zwei Wochen lang. Dann machten wir auch einige kurze Reisen von 1-3 Tagen. Ich verbrachte 10 Tage auf der Insel Lewis, arbeitete in dieser Zeit meistens an einem anderen Projekt, reiste und schrieb aber auch dort mit Basho als Reiseführer. Alec konnte nicht so weit laufen, also musste ich allein auf die Berge steigen.



Wird The Road North ein virtuelles Projekt bleiben oder ist eine Buchveröffentlichung geplant?



Zur Zeit schreiben wir ein langes Gedicht zusammen, das hoffentlich als Buch erscheinen wird.












there was a name

before this name



before that

was birdsong





*




Milo Staben hat Basho - Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland gelesen und schreibt ...

 

Sie kamen an eine Schlucht. Ein Pfad führte auf die andere Seite. Von dort sahen Affen herüber, hoch in den Bäumen saßen sie, unbeweglich und wachsam. Später, als das Tagesziel nicht mehr weit war und die Affen plötzlich am Boden den Weg versperrten, senkte Basho den Blick, verlangsamte seinen Schritt und dachte: Hinter mir wird Saro es machen wie ich. Es ist keine Demut und keine Scheu, es ist eine Regel, trifft man auf eine Horde Affen und muss doch dem Weg folgen.

 

Du musst um Mitternacht aufstehen, Deine Strohschuhe anziehen, die Papierlaterne nehmen und laufen. Nachts, im Dunkeln, um den Berg herum. Jede Nacht. Der Berg heißt Hiei. Du läufst 30 Kilometer, jede Nacht, dabei murmelst Du unablässig das Fudo Myo-O Mantra. 100 Mal läufst Du 30 Kilometer um den Berg Hiei. 100 Nächte. Nach der 100. Nacht machst Du es noch 900 Mal. Und dann wieder. Vielleicht wirst Du Togyoman Ajari.



Oder Du gehst im Kreis herum. Langsam, die Hände vor der Brust, Du blickst zu Boden und denkst gar nichts. Oder Du denkst: Leere ist Form und Form ist Leere. Immer wieder, immer im Kreis.



So sind neben den Wander- und Bettelmönchen auch andere Buddhisten Japans in Bewegung. Auf einem Weg, der auch Impuls für die Wanderungen Bashos war.



Aber es gab auch den großen Dichter Nôin Hôshi (988 - 1058). Er blieb zu Hause, streckte nur die Hände aus dem Fenster, dass sie von der Sonne gebräunt würden und die Leute seine Reisegedichte glaubten.

 

Viele wandern auf bekannten Wegen, auch in Japan. Zum Beispiel auf dem Shikoku-Pilgerweg mit seinen 88 Stationen. Oder sie gehen den Weg nach Oku, den Basho und Sora nahmen.



Jetzt ist der Weg verwaist.



Die Sonne berührte bereits den westlichen Bergkamm, als wir von Nihonmatsu nach rechts abbogen. Wir warfen noch einen Blick in die Felshöhle von Kurozuka und übernachteten in Fukushima.

 

Kurz vor dem Ende der gemeinsamen Wanderung wird Sora krank und verabschiedet sich von Basho mit einem Gedicht:



     Ich gehe und gehe.

     Bleibe ich am Wegrand liegen: lasst mich.

     Hagi Blumen über mir.




Basho antwortet:




     "Zu zweit"

     steht nun nicht mehr auf meinem Pilgerhut.

     Vom Tränentau gelöscht.

 

*










roses in the scent of the sea

in the scent of the roses



*






*

 






shown the way by a horse ...




Take the horse

he knows the way

when he stops get off

he'll come home alone





*

 

Hinterland ist überall.



*



Wir haben die Idee aufgegriffen:





Milo Staben




Christine Marendon

Donnerstag

S e p t e m b e r












Unmerklich neigt sich das Licht des Tages
zu den Schatten
unmerklich
wie Blätter sich färben
und man sieht noch die Blüten
in Gelb, Rot und Orange
irgendwie
neigt sich alles
alles neigt sich
und ein Gehen setzt ein
ein Trippeln
wie von kleinen Füßen
unmerklich
und leise
wie gar nicht da
gewesen
beinahe so
und das Feste geht
wird brüchig
fällt
nach vorne
in den Kies
versickert im Sommerkies
und das Gehen
nimmt zu
Geräusche wachsen
unmerklich
und der Boden
öffnet das Tor.















Photograph with the kind permission of Tommy Oshima
Thank you very much!






















Sonntag

A u g u s t











Ich wurde in den Wind gesprochen, das Haus
stieß mich aus sich heraus, buchstabierte mich mit
offenen Türen und Fenstern, warf mich hoch,
ich durchbrach die Wolken, schrie AFRIKA und
stieß gegen die Wölbung des höchsten Dachs,
die Barriere aus Luft und Atemlosigkeit. Was folgte
war ein Sturz, ich fiel zurück und donnerte in die
Erde, ich war zum Blitz geworden. Tief in das Innere
führte mich mein Weg, ich veränderte meine Gestalt
und vergaß, wer ich war. Ich dachte nur noch,
dass ich in allem ich war. In allem.

















Samstag

J u l i













M a r l e n e n s c h l a f



I

Die Mäntel Degen Stücke fallen auf unsere Häupter hinab
schauen im Flitzen Stich Herz Kammer klopfen geheime Agenten
Aufträge genannten Ufers

daher
steigt ein Bügel Aug schwimmt Flecken Staub
in Flüssen davon schreibt sich Schicht um

Schicht legen Archäologen Knochen frei mehlt
unser Schlaf Zucken ein Tragen Schilder uns in
Nacht Besuche der Apotheken Dienst gibt Löffel

voll des saftigen Stücks Herz Knirschen noch
mehr des Baum Haften Greifens liegen der Stämme
Schrei malt uns Fragen Orakel tief in Traum lose

Schuber sagt forget me not dürftige Klammern
Wund Ränder an bei sacht Laut Enden Fass Lungen
Feder Haupt Schlaf der Wimper nagen Nacht Tiere
Fetzen Wissens davon treibt ein Mund Stück

glaubt Salz Stöcke flicht Schnuten Teile
nicht wach Samt Traumes Zucken ein
Nabel Ding seid liebes Kind macht
Vernes Reisen nach gräbt
Stückes voll gliedriges
nein ein
nicht

niemals so dichtes Blatt
Werk Baum Haus

blau






II

Werden Türen verschoben, wähle
den gläsernen Einsatz als Ziel für den
Wurf mit dem Stein. Luft muss zischen
wenn ein Stoß das Vakuum füllt, kein
Zweifel, erst dann ziehen Winde die
Gärten als Matten davon, später
liegen Paradiese hinter Glas.

Hunde schlafen im
Schatten zerbrochenen Glases







III

Mein Schlaf ist alt, über alle Maßen. Mundes
Zucken verrät: diese Schilde, sie halten nicht
mehr. Hordeneinfall, ungebremst, die Stellung,
ziehe und schiebe. Die Bettschnur, ein blindes
Utensil. Kandierte Früchte, die reicht man
auf den Barrikaden. Gläser gehen zu Bruch, Luft
entströmt den Ventilen, zischend, ungestraft,
jede Tür eine Schwelle, da Traum um Traum tiefer
das Rochentier taumelt. Der Berg in mir sich
aufrichtet, mich erdrückt.

el sueño de la razón produce monstruos








IV

Fußnoten aus dem Schlaflabor:

1) BETTSCHNUR Nikolaus -(B325)- Age: 16 - From: Josefsdorf
DtAr: Monday, 21 may 1906 - To: Philadelphia, PA - Via: Fiu/NY - Ship: Pannonia
Note: Going to join bro-in-law, T Bohn.
David Dreyer's banat Ship List - Pannonia

2) The 1920 Stark Co census lists a Nikolaus Betchner age 30, wife Elisabeth.
This has to be the same Nikolaus Pecsner who is in the U.S. passenger ship
records, destination Philadelphia, last residence Giseladorf.
Actually this Nikolaus was born in Josefsdorf, *4 Mar 1889.
Dave Dreyer

3) Eric Benshetler wrote:
There are 3 BETSCNHER names. All their Social Security cards were issued in
Pennsylvanie, so they probably lived there at one time. One died in the city
of Philadelphia, Pennsylvania.
There are no BETTSCHNUR names.






V

Alles eine Frage des Zerfalls, aus
gesprengten Sätzen Erinnerung
knüpfen, das Burgenland im Sand
zerstampfen. Kein Wort, das fällt.
Mein Hang gerät ins Rutschen.
Sauerstoffarm trete ich in den Schlaf.

"... nein, nein, Dusty. Sie zerstören mit dem nach unten
transportierten Sauerstoff anaerobes Milieu!"







VI

Meine beidseitige Lähmung sucht Land
gräbt sich vor: die Teile falb zuerst
dann Befall der Knochen und Muskeln.
Endspur vergangener Zerrungen
Tonus in extremis, Rückkopplung
aus dem Schritt geratener Versuche:
mein bestes Stück als Verschnitt.







VII

Bleiern und in Kuben gestapelt:
deutliche Hinweise auf Schwere.
Die Verhüttung findet statt.
Nebenprodukt schleichender
Vergiftung im Spektrum Postgelb
und Feuerwehrrot. Verzinktes
Besteck und antiallergenes Metall
zur Behandlung offener Wunden:
der Trick liegt im Schnitt.








VIII

Gesteckte Blumen, Steinpflanzen, Marlenen,
ein heller Wind deckt alles mit Dürre. Meine
weiße Hand, meine Rauchhand, meine geöffneten
Hände. Mit gerissenen Bandagen stopft sich kein
Flüchtling den Schuh. Eine Hand schlägt auf. Tief
im Johanniskraut geht man Nachts für immer davon.
Sagt man. Öhrchen klappt ein silbernes Besteck aus.
Singt von milden Gaben. Hundekuchen, singt es,
ein kleines Stück. Und so gehen alle verloren.
Es ist dann ein Leichtes zu sagen: geh. Von mir
ganz Schweigen. Dauert nichts als das: weiße Blüten.








Dienstag

J u n i






















Ich halte es mit den Dingen im Sonnenlicht:
zu glühen, wenn die Zeit kommt, ohne
Wissen, ohne Hoffnung.





















Samstag

M a i








James Wright: Bestimmung

Nachdem der Winter gegangen war, stand ich auf

und dachte an deine Worte. Unterhalb des Feldes

wo ich tot gelegen hatte, riefen die welken Blätter und Halme

meinen Körper zu sich und teilten mit, dass ich gehen müsse.

Auf der anderen Straßenseite sah ich noch andere Tote

ihre kleinen Feuer wieder entfachen und den Kopf hinwenden

zu jemand, der noch lebt und Vergangenheit ist.

Aus dem Dunst erhob sich eine Rauchwolke.

In der Höhle des Mondes gab es einen rüstigen, grauen Mann,

der seine Hände wusch und mir zeigte, wohin ich zu gehen hatte:

Den langen Berg hinauf, über den Hügel von Mondschnee,

um drei geschliffene Steine herum, über die verschränkten

Flügel einer Eule, die an den südlichen Himmel genagelt war.

Ich drehte mich dreimal um mich selbst und zerstob,

über meine Schulter hinaus, in Wolken von Salz und Staub.

Die Erde wurde heller. Ich sah einen Mann.

Er sagte, dass die Sonne den Bäumen entgegen falle

und das Picknick fast vorbei wäre. Auf dem See lockten

schlanke Segel Blitze aus der Dunkelheit,

während Menschen, stiller werdend, schmale Kanus lenkten. 

Scheu versteckte ich mich hinter Büschen. Schon fuhren

die Autos fort, die ersten Sterne des Abends

verschwammen in einer Wolke. Ein einzelnes Kind ließ seine

Schuhe halb im Sand stecken und schlief bei den Bäumen ein.

Als die Feuer ausgetreten waren, jedes zu den Wurzeln
der Büsche gegangen war, sich um Bäume versammelt
oder den Schein der Fenster in den Dämmer gezogen hatte,
verlor ich die Orientierung. Wasser floss zu Wasser,
Dachse nagten mehr aus Spaß, als aus Hunger,
am Wurzelwerk des Ufers, wo vor langer Zeit
Frauen miteinander geplaudert hatten. Kanarienvögel flatterten
umher und zwitscherten sanft einen Abschied. Dann war alles still.

Ich hatte jetzt keine Eile mehr, ließ meine Kleidung
auf den Boden fallen, der Genuss von seidigem
Wind mit zartem Gras, von Beeren und Milch
auf Haut, erweichte mich. Ich schmiegte mich, lag hingestreckt,
unempfänglich und doch aufmerksam für das, was aus den
leeren Zweigen kommen könnte, ich war Flamme.
Ich flackerte sacht. Alles war vorüber,
alle gegangen. Ich warf meine Kleider fort.

O du warst es, auf die ich gewartet hatte, um die
weichen Flügel meiner Knochen zwischen deinen Händen
zu halten und sie zurück ins Leben zu wärmen, um
Zweige aus meinen blanken Armen zu machen. O du warst es
die ich liebte, bevor ich starb und lange danach,
du, die ich nicht finden konnte. Die Luft strömte weicher,
mein Atem versiegte, aber niemand blies
meinen Namen in geweihten Boden. Ich war zu allein

um mich zu halten, um nicht wegzufließen
und auf diese Weise tot zu sein, geworfen in einen Schacht
aus Luft, um zu ertrinken in der Luft, ich erhob mich, legte mich
zurück in die Bäume und starb wieder. Die Spinnen
sorgen für Gitter, die sie gegen den Himmel hängen,
aber nicht für Mauern in der Luft und so sterben diese Häuser
und versinken; und nur wegen meines Fleisches aus Luft
würde dein Erdenfleisch sich mir zuneigen und wegtreiben;

aber dir war das egal, du lebtest, warst unaufrichtig zu mir.
Was blieb mir übrig, als einen Dämon zu holen
und im Staub zu warten, gierig auf Leiden
oder etwas in der Art, um deine Erinnerung wach zu rufen?
Auf Flügeln kam das Wesen aus der Dunkelheit herab
und wühlte in meinen Gliedern, um meine Flügel
unten im Dreck zu halten; ich war blind vor Angst.
Das Etwas verschwand, angefüllt mit Dunkelheit und mit mir.

Und ich war zerrissen. Sogar mein armer Geist
kann von nun an nie an deinem Fenster stehen;
Ich bewege den Wind. Ich rüttle an einem Ast,
doch ohne Geräusch. Deine Feigheit könnte
dich von deiner Verabredung mit meinem Geist abhalten,
die Liebe, die du mir versprachst, als ich Staub war,
nicht Luft. Und nun, da ich nicht einmal schlafen kann,
oder sterben, werde ich doch meinen Geist spüren.

Getrieben, diesen Obstgarten jedes Jahr erneut aufzusuchen,
den Platz des Picknicks, darauf wartend, dass alle
müde sind bei Sonnenuntergang und die Scheinwerfer anschalten,
um mit ihnen abzudriften, wie Motten in die Dunkelheit.
Ich werde aufstehen und meinen Hunger wegdrücken,
und starren, und murmeln, in dem Wissen, dass deine Liebe
in einen weißen Stein graviert ist, neben meinem Namen,
während du das Versprechen vergisst und das Jahr.

Du saßt neben dem Bett, nahmst meine Hände;
und als ich jenseits allen Sprechens war, hast du gesagt,
hast du geschworen, mich zu lieben, wenn ich tot bin,
mich in dem Baumrund zu treffen und mich immer zu lieben,
die weiße Luft zu lieben, den Schatten, in dem sie lag.
O Liebe, ich rief deinen Namen in die Luft, an diesem Tag,
ich sah das Picknick den Hügel hinab verschwinden
und weckte den Mond auf, mit leeren Händen.


A.d. Amerik. übers. v. C.M.















mein Herz wächst, es ist schon außerhalb von mir
über mich hinaus gewachsen
etwas kommt dazu
eine Gestalt aus Luft und Licht
auch sie kommt aus mir
nimmt das Herz
und geht
wohin gehen sie
mein Herz
meine Seele
sie sagen
ich müsse keine Angst haben
sie wären auf dem Weg hin zu Dir








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